Ich kann nicht abschließen! Zieh den Schlussstrich.

Jun 27, 2019

Die Beziehung ist längst vorbei und doch tauchen die Bilder der Vergangenheit oft Monate und gar Jahre später in unserem Kopf auf. Sie verfolgen uns bis in unsere neuen Partnerschaften und drängen sich als Vergleiche gegenüber der neuen Liebelei auf. Warum kann man nicht abschließen, wenn der Schlussstrich uns retten und den Gedanken an den Verflossenen ein für alle Mal ein Ende setzen soll?

Der Mensch unserer Träume

Vielleicht haben wir in unserem Leben zu viele Filme gesehen oder Bücher gelesen. Vielleicht sind wir von unserer Familie und dem Umfeld zu stark beeinflusst worden.

Wir entwickeln Präferenzen in vielerlei Hinsicht und da ist der Partner nicht ausgenommen. Manche Vorlieben ändern sich mit den Jahren, andere scheinen sich nie zu wandeln. Und manchmal trifft man jemanden, der das Bild unserer Traumperson transformiert.

In unserer Vorstellung backen wir aus den verschiedensten Zutaten den Mann oder die Frau unserer Träume, diesen Seelenverwandten, der unser Leben glücklich machen soll, der uns versteht und uns ganz macht.

Doch im Teig finden sich hie und da spitze Steinchen, an denen sich der eine den Schmelz abradiert und der andere den Zahn ausbeißt. Den Kuchen wegschmeißen und neu backen? Sicherlich nicht, dafür hat man zuviel Zeit für die richtige Mischung investiert!

Da werden lieber Stück für Stück die kleinen und größeren Steine herausgepickt und der Teig zurecht geformt, bis alles wieder halbwegs stimmt. Vielleicht kann man mit ein paar Zuckerverzierungen dem Ganzen etwas Süße verleihen.

Irgendwann ist Schluss

Doch manchmal bringt selbst die Schokoglasur keine Abhilfe, wenn sich darunter ein Fels gebildet hat, der keinen Zugang zum weichen Kern mehr zulässt.

Immerzu die gleichen Streitereien über dieselben Themen, die Uneinsichtigkeit und die Vorwürfe, das Unverständnis und die Gleichgültigkeit.

Beide merken es: Man ist nicht mehr glücklich und doch schafft keiner es loszulassen, versucht es wieder und wieder, schwört Besserung und gelobt Einsicht, bis zum nächsten Crash, an dem sich die Beteiligten erneut nicht einig werden wollen.

Wenn uns bereits das Loslassen von dieser Person schwerfällt, wir aber wissen, dass es keinen Sinn hat weiterzumachen, weil die Beweislast uns erdrückend klarmacht, dass wenig Hoffnung auf eine Veränderung besteht, wird das Abschließen noch schwerer.

Tief in uns wissen wir das und deshalb haben wir Angst, ein für alle Mal einen Schlussstrich zu ziehen. Aber wir müssen uns eingestehen, dass die Person – so sehr wir uns das auch wünschen würden – sich nicht mehr ändern wird.

Irgendwann erkennt jeder Hund, dass Herrchen nur so tut, als würde es den Ball schmeißen, und wird nicht mehr loslaufen.

Warum kann ich nicht abschließen?

Der Grund dafür ist einerseits die Vorstellung, die wir in unserem Kopf tragen und andererseits die Leere, die ausgeglichen werden soll.

1. Vorstellungen

Diese können mit der Person oder mit Partnerschaften im Allgemeinen zu tun haben.

Menschen, die ein negatives Bild über das Singledasein haben, werden häufiger den Versuch starten, eine Beziehung unter allen Umständen zu halten. Vor allem, wenn sie zusätzlich den Glauben vertreten, in ihrem Alter sei es nicht mehr so einfach möglich, jemanden kennenzulernen, oder sie würden niemanden mehr finden, der ihre Macken so annehmen würde, wie dieser Partner usw.

Die Angst davor in Einsamkeit zu enden, treibt sie dazu, über vieles hinwegzusehen, was ihnen schon lange nicht mehr gut bekommt. Auch Materielles kann ausschlaggebend für das Zusammenbleiben sein (Angst, die Wohnung zu verlieren, weniger Geld und damit einen geringeren Status haben).

Diese Ängste werden nicht selten zur selbsterfüllenden Prophezeiung, wenn es dann tatsächlich zur Trennung kommt, und man kann nicht abschließen, wenn man sich einredet, dass es vorher besser gewesen ist.

2. Leere und Vorlieben

Auf der anderen Seite haben wir häufig das Gefühl, dass uns etwas in unserem Leben fehlt, bis schließlich der Partner unserer Träume aufkreuzt und die Leere verschwindet. Sofort sind wir überzeugt, dass es der oder die Richtige sein muss, denn endlich fühlen wir uns ganz.

Und dieser Glaube macht es umso schwerer, die Person zu vergessen, wenn es zur Trennung kommt.

Die Leere, die wir empfinden, kommt im Übrigen in Wirklichkeit daher, dass unsere Fähigkeit zur Selbstliebe nicht ausreichend vorhanden ist.

Dadurch wissen wir nichts mit uns anzufangen, wenn wir alleine sind, sind gelangweilt oder rastlos und brauchen Bestätigung von anderen, damit wir uns liebenswert fühlen.

Wie an anderer Stelle bereits erwähnt, haben wir zudem unsere speziellen Vorlieben (optisch als auch charakterlich), und finden wir schließlich einen Menschen, der diesen gerecht wird, wird unser System beflügelt und wir sind ganz Feuer und Flamme.

Trennen wir uns von diesem Menschen, kommt es nicht selten vor, dass man kommende Partner mit dem oder der Ex vergleicht und finden sich diese besonderen Eigenschaften nicht mehr, fällt es uns schwer loszulassen: Man kann nicht abschließen.

Was tun, wenn ich nicht abschließen kann?

Es ist schon ein Jahr seit der Trennung vergangen, du bist wieder in einer neuen Beziehung und immer wieder drängen sich Bilder über den oder die Ex in deinen Kopf? Meldet er oder sie sich gar noch und du schaffst es einfach nicht, einen endgültigen Schlussstrich zu ziehen?

Mach eine ehrliche Bestandsaufnahme:

  • Wenn ich an meinen Ex denke, vermisse ich ihn/sie? Wünsche ich mir ihn/sie zurück? Wenn ja, warum?
  • Warum haben wir uns getrennt? Idealisiere ich die Beziehung jetzt im Nachhinein? Würde ich das alles noch einmal durchmachen wollen?
  • Hat er/sie meine Vorstellungen von einem perfekten Mann/ einer perfekten Frau erfüllt? Was sind das für Vorstellungen, die ich habe und muss ich sie haben?
  • Habe ich Angst davor, allein zu sein oder meine Sicherheit zu verlieren? Kann man jemals eine absolute Sicherheit haben oder ist das nur ein Konzept von mir?
  • Ist mir wichtig, was Freunde/Familie/die Gesellschaft von mir denken, wenn ich Single bin? Was halte ich von Singles? Habe ich Angst, mein Ansehen zu verlieren? Wenn ja, stimmt das wirklich?

Hast du dir diese Fragen je gestellt oder bist du ihnen ausgewichen, weil sie ein Unbehagen in dir auslösen? Versuche, vor allem die dick unterlegten Fragen möglichst objektiv zu beantworten (so, als würdest du mit einem guten Freund sprechen).

Wir müssen unsere Vorstellungen, Ideen und Glaubensgrundsätze kennen und sie ernsthaft hinterfragen, indem wir einen objektiven Blick darauf werfen (so, wie wir es bei einem guten Freund täten). Nur dann sind wir in der Lage, die alten Muster der Vergangenheit loszulassen und uns frei zu machen für Neues.

Ich empfehle hierzu den Artikel “Achtsamkeit und Bewusstsein“, um das Beobachten der meist unbewusst ablaufenden Prozesse, die für unsere Vorstellungen verantwortlich sind, zu erlernen und schließlich fallen zu lassen.

Lerne dich kennen und verstehen, und du wirst staunen, wenn du entdecktst, dass du kein Sklave deiner negativen Gedanken sein musst, sondern selbst darüber entscheidest, wer in deinem System Platz hat und wer nicht!

Wir sind oft viel mehr damit beschäftigt, dem anderen die Schuld für das Beziehungsaus zu geben, rechtfertigen uns und analysieren die Streitereien und vor allem den Partner, und übersehen das wirklich Wichtige: Den Blick nach innen auf sich selbst. Denn der Schlüssel zur wahren Freiheit von den selbstauferlegten Bürden ist nur dort zu finden.

Kenne deinen Wert

Wer nicht abschließen kann, glaubt, dass ihm etwas fehlt, was diese Person ihm geben könnte. Doch diese Leere rührt in Wahrheit aus dem Mangel an Selbstliebe, den wir empfinden und versuchen, durch einen anderen Menschen auszugleichen.

Dabei ist ein jeder von uns für sich genommen wertvoll und liebenswert, einzig unsere Vorstellungen verzerren unsere Sicht und lassen uns etwas anderes glauben.

Lass deine Ideen, deine Glaubensgrundsätze und deine Vorstellungen für einen Augenblick fallen, und fühle deinen Platz in diesem Leben, der immer richtig sein wird, egal wo du bist. Schau den Baum an, der verlassen auf der Wiese steht. Ist er allein? Wird er nicht von der Sonne geküsst, von der Erde genährt und vom Wind umarmt? Das Leben wird auch dich führen und tragen, wenn du es lässt, es wird dich halten und wärmen, dich trösten und dir Mut spenden; und eines ist ganz gewiss: Nie wird es dich vergessen.

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