Epigenetik: Glaube, Stress und Gene (Teil 2)

Jul 5, 2019

Im ersten Teil des Blogartikels haben wir uns mit den Grundzügen der Epigenetik beschäftigt und erfahren, dass es unsere Wahrnehmung der Welt ist, die unsere Gene und unser Verhalten steuert. Denn unser Nervensystem steht als Schaltstelle zwischen der Umwelt, wie sie wirklich ist, und unseren Zellen, und interpretiert das, was sie wahrnimmt, für jeden ganz unterschiedlich. Im zweiten Teil wollen wir uns ansehen, wie unser Glaube uns tatsächlich krank machen kann.

Wahrnehmung der Umwelt

In einem Experiment wurden Patienten mit Muskeldystrophie (= Erbkrankheiten, welche meist zu Defekten oder zu einem Mangel von in der Muskulatur vorkommenden Proteinen führen) Muskelzellen entnommen und in ein „gesundes“ Milieu gegeben. Tatsächlich begannen die scheinbar kranken Zellen sich zu entwickeln und zu wachsen, als sie nicht mehr im Körper waren. Das führte zu dem Schluss, dass nicht die Zelle und ihre DNA mit den darin befindlichen Genen das Problem war, sondern das Umfeld, in dem sie sich befindet.

Unser Umfeld ist aber nicht der alleinige Faktor, der uns krank macht oder gesund erhält. Zwischen dem Signal aus der Umwelt und dem Verhalten der Zelle befindet sich nämlich eine Schaltstelle, welche das Umweltsignal interpretiert, und das ist unser Verstand. Unser Verstand kann die Umwelt als förderlich oder bedrohlich wahrnehmen und löst damit Reaktionen im Körper aus, die auf die Genaktivierung Einfluss haben.

Gene und das Überleben

Wann werden Gene aktiviert? Gene dienen dem Überleben und es gibt zwei Mechanismen, mit denen jenes sichern.

1. Wachstum (oder Reproduktion)

2. Schutz

Je nach Umgebung, in der wir uns befinden, entscheiden sich die Zellen unseres Körpers für den Wachstums- oder Schutzmechanismus.

Entnimmt man Zellen und setzt sie in einer Petrischale entweder einem Nährstoff (positives Signal) oder einem Toxin (negatives Signal) aus, wandern die Zellen, die sich einem Nährstoff gegenüber sehen, auf diesen zu und reagieren mit Wachstum. Das Toxin, hingegen, bringt die Zelle dazu, sich zu entfernen – sie schützt sich vor dem Gift.

Relevant wird dieser Mechanismus deshalb, weil auch unser Glaube, dass wir Schutz benötigen, der Zelle ein negatives Signal sendet.

Sie geht in den Schutzmechanismus und stoppt ihr Wachstum, was unsere Gesundheit gefährdet.

Betrachten wir den Menschen mit seinen 50 – 70 Billionen Zellen, könnte man sagen, dass er sich entweder bis zu einem gewissen Grad im Wachstum oder mehr in jenem des Schutzes befindet, je nachdem welchen Signalen er ausgesetzt ist.

Wie man heute weiß, werden die meisten wachstumsfördernden Prozesse ausgelöst, wenn wir uns im Zustand der Liebe befinden. Damit übertrifft die Liebe sogar Nahrung. Die meisten wachstumshemmenden Prozesse werden im Zustand der Angst in Gang gesetzt.

Sehen wir uns einen Schutzmechanismus unseres Körpers an, und welche Auswirkungen er auf unser ganzes System hat.

Die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse

Wie oben erwähnt, nehmen wir Reize aus der Umwelt auf und unser Verstand schätzt sie als positiv oder negativ ein.

Bei Stress (negatives Signal) werden Neurone im Hypothalamus aktiviert, denn der Hypothalamus stellt als Teil unseres Zwischenhirns den Vermittler zwischen dem Hormon- und dem Nervensystem dar. Daraufhin wird die Hypophyse aktiviert, welche wiederum die Nebennieren zum Ausschütten von Stresshormonen anregt. Wir schalten in den „fight or flight“ Modus („Kampf oder Flucht“ deshalb, weil unsere Vorfahren noch vor wilden Tieren flüchten oder gegen sie kämpfen mussten).

Die Blutgefäße der inneren Organe, die weder zum Kampf oder zur Flucht gebraucht werden, werden zusammengepresst, damit mehr Blut in die Muskulatur der Arme und Beine gepumpt wird, um entweder loszulaufen oder loszuschlagen. Die inneren Organe werden für Wachstumsprozesse benötigt, daher wird ersichtlich, dass unter Stress, Wachstumsvorgänge gehemmt werden.

Das Immunsystem unseres Körpers benötigt sehr viel Energie, und da wir es im Kampf gegen den Löwen ebenfalls nicht gebrauchen können (aber dafür die Energie, die es aufwendet), wird dieses unter Stress auch heruntergefahren.

Das erklärt, warum Menschen, die bei der Arbeit oder in der Schule sehr gestresst sind, häufiger krank werden.

Dieser Mechanismus ist so effektiv, dass in der Medizin Stresshormone verwendet werden, um das Immunsystem herunterzufahren, wenn ein Patient ein Organtransplantat erhält, damit dieses nicht sofort vom eigenen Immunsystem abgestoßen wird.

Während unseres Kampfes oder unserer Flucht benötigen wir außerdem unseren Intellekt nicht dringend, viel mehr wollen wir uns auf unsere Reflexe verlassen. Deshalb werden auch die Gefäße im Vorderhirn kontrahiert und drücken damit das Blut in das Hinterhirn, von dem aus das reflektorische Verhalten kommt.

Daher sind wir unter Stress auch weniger intelligent. Wer kennt es nicht, das unliebsame Blackout während einer Prüfung? Es ist der Stress, der unseren Zugriff auf das Wissen verhindert.

Glaube im Alltag

Mit diesem Wissen ist es interessant, sich unseren Alltag anzusehen. Nachrichten im Fernsehen, aus Zeitungen oder dem Internet überfluten uns von morgens bis abends mit Katastrophenmeldungen und Information, die uns schockieren und ängstigen soll, denn das erregt die meiste Aufmerksamkeit.

Zusätzlich setzen wir uns nicht nur in der Arbeit, sondern auch privat ständig unter Druck, weil wir möglichst viel in möglichst kurzer Zeit schaffen wollen. Wie sehen wohl die Adrenalinspiegel in der Durchschnittsbevölkerung aus?

glaube stress

Nicht nur, dass psychische Erkrankungen wie Depression oder Burn-out zunehmen; beobachtet man das Verhalten der Menschen, erkennt man, wie unbewusst, also reaktiv ihre Handlungen sind, was ein gemeinsames Zusammenleben erheblich erschwert.

Unsere Wahrnehmung der Welt, und damit unser Glaube, liegt wie ein Filter zwischen dem, was wir aus der Umwelt aufnehmen und der Biologie der Zelle, und transformiert das aufgenommene Signal. Bei einem negativen Glauben können so negative Gene exprimiert werden, die für die Umwelt eigentlich nicht brauchbar sind.

Wir sollten daher versuchen, unsere Wahrnehmung der Welt möglichst klar zu halten, das heißt, so unvoreingenommen wie möglich sein. Wir müssen nicht alles sofort als „gut“, „schlecht“, „beängstigend“ oder „katastrophal“ interpretieren. Da wir jedoch bereits seit unserer Kindheit gelernt haben, alles zu benennen und zu kategorisieren, läuft dieser Prozess meist unbewusst in uns ab, und es erfordert viel Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, unvoreingenommen zu beobachten.

Unsere Glaubenssätze (also das, woran wir glauben) haben wir erlernt, und was erlernt wurde, kann keine absolute Wahrheit sein, denn wir alle lernen abhängig von unserer Nationalität und Kultur verschiedene „Wahrheiten“.

Was jedoch wahr ist, ist Folgendes: Das Leben beinhaltet alles, nichts ist ausgeschlossen. In Wirklichkeit ist nichts gut oder böse, niemand ist weniger wert als der andere und nichts ist richtig oder falsch. Was wir sehen, hängt von unserer Wahrnehmung ab, von unseren Glaubenssätzen und Gedanken. Wer sich frei machen kann von dem, was er glaubt, ist frei von Urteil. Und wer frei ist, wird etwas Wunderbares feststellen: Man kann selbst entscheiden, wie man sich fühlen möchte. Warum also nicht glücklich sein?

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