Die Vergangenheit loslassen – so gelingt es.

Apr 19, 2019

Wir definieren uns über sie und lassen sie unser Leben bestimmen. Vergangenes ist für manche Menschen so real wie die Welt um sie herum. Doch wer die Vergangenheit in die Gegenwart projiziert, drückt jedem frischen, neuen Augenblick ein abgestandenes, verzerrtes Bild auf, das uns von der Realität immer weiter entfernt. Die Vergangenheit loslassen bedeutet Freiheit. Und die Chance ein neuer Mensch zu werden – nämlich jener, der man immer sein wollte.

Ich bin, was ich war

Die Vergangenheit hat unser jetziges Sein geprägt. Manch einer, der auf sein bisheriges Leben zurückblickt, mag eine solche Aussage bedauern oder gar verfluchen. Niemand hat sich seine Eltern und das Land, in dem er geboren wurde ausgesucht. Niemand hat sich für das Umfeld entschieden, in dem er groß geworden ist. Und diese Genetik. Hätte man nicht einfach als wunderschönes, kleines Genie geboren werden können?

Doch selbst jene, die ihre Vergangenheit als Fluch bezeichnen, wären in den meisten Fällen nicht bereit sie aufzugeben.

Würde eine gute Fee kommen und ihnen anbieten, diese alte Last ein für alle Mal in den Tiefen des Ozeans untergehen zu lassen, käme eine große Sorge auf. „Aber was wird denn dann aus mir? Wer bin ich denn ohne meine Vergangenheit?“

Dabei ist diese Angst sich selbst zu verlieren unbegründet. Im Gegenteil findet man sogar eher zu seinem wahren Selbst. Denn wer in der Vergangenheit lebt, verliert sich in Geschichten und verpasst die vielen Momente, die unser Leben ausmachen. Nämlich die Momente der Gegenwart.

Vergangenheit und Gegenwart

Vergangenheit ist nur ein Wort, denn in Wirklichkeit gibt es jene nicht.

Was wir als Vergangenheit bezeichnen, sind Erinnerungen in unserem Kopf, die sich im Hier und Jetzt abspielen, der einzigen „Zeit“, die tatsächlich existiert.

Das soll nicht heißen, dass wir alles leugnen sollen, was passiert ist, und so tun, als hätte es keinen Einfluss gehabt. Das Ursachen-Wirkungs-Prinzip ist für jeden ersichtlich und die Evolution ein unaufhaltsamer Prozess. Und wenn wir die Dinge aus dieser Perspektive betrachten, so fällt es uns manchmal wesentlich einfacher mit Gewesenem umzugehen.

Denn wie oben erwähnt, hat sich schließlich niemand ausgesucht, wo er hineingeboren wird. Weder man selbst, noch die Eltern oder Großeltern usw. Kein Grund also überheblich zu werden oder sich minderwertig zu fühlen. Es ist, wie es ist. Das heißt aber nicht, dass es nicht anders sein kann! Ein Ausbruch und eine Veränderung sind immer möglich, wenn das der eigene Wunsch ist, und man will schließlich den Evolutionsprozess nicht behindern.

Dazu bedarf es, einen Schritt zu wagen, der vielen nicht leicht fällt: Die Vergangenheit loslassen.

Vergangenheit loslassen

Die Vergangenheit als Rechtfertigung

Wie bereits kurz angeschnitten, definieren die meisten Menschen sich über ihre eigene Vergangenheit oder sogar die ihrer Eltern und Großeltern usw. An vieles kann man sich nicht mehr genau erinnern, doch ein übler Nachgeschmack ist geblieben, den man immer und immer wieder aufleben lässt. Warum eigentlich?

Rechtfertige ich damit mein jetziges Leben? Meine Unzufriedenheit? Meine Missstände?

Es ist einfacher, die Verantwortung abzuschieben, und leider haben wir das früh gelernt. Da man als Kind alleine nicht überlebensfähig wäre, ist es selbstverständlich, dass die Eltern für uns Entscheidungen treffen. Aber später? Die Lehrer, die Mitschüler, die Kollegen, die Arbeitgeber, der Partner, die Kinder und nicht zu vergessen die Politiker und unser Rechtssystem. Sie alle tragen Schuld am Mangel unseres Lebens.

Wir sind in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der man uns zum Folgen und Imitieren gezwungen hat, indem man uns mit Angst hörig macht. Angst, auf der Straße zu landen, Angst verstoßen zu werden, allein zu sein und ein Landstreicher zu werden. Dass wir stattdessen lieber in einem Gefängnis aus Versicherungen und Krediten sitzen, finden wir dagegen ganz normal. Schließlich hat man einen Fernseher und das Internet, kann auf alle Information der Welt zugreifen und den Erdball beinah überall hin bereisen – das gibt uns das Gefühl doch frei zu sein.

Warum die Vergangenheit loslassen?

Wahres Freisein beginnt bekanntlich allerdings im Kopf. Und wer sich wirklich frei machen möchte, der wird seine Vergangenheit loslassen wollen.

Denn der Ballast der Vergangenheit äußert sich nicht nur als gedankliche Erinnerungen, sondern behindert uns wesentlich am Vorankommen in unserem Leben. Oft sind da Ängste, die uns zurückhalten, die uns weismachen wollen, dass wir es nicht schaffen werden und nicht gut genug sind. Und diesen Versagensängste folgen Schuldgefühle und Reue, es nicht versucht zu haben.

Stets dasselbe Muster: Die Stimme im Kopf will uns aufhalten.

Und wenn sie uns mit Worten nicht aufhalten kann, dann mit Emotionen, die uns durch Mark und Bein gehen,  wie Angstzustände und Panikattacken, Bilder über „Worst-Case-Szenarien“, die niemals eintreffen.

Aber warum tun wir uns das selbst an?

Die Antwort ist, weil wir es nicht anders gelernt haben. Es ist ein Programm, das wir uns über die Jahre angeeignet haben und das jetzt auf Autopilot läuft. Wann immer eine Situation kommt, die eben dieses Programm triggert, läuft es sofort ab.

Es ist, als würde da jemand sitzen, der immerzu den gleichen Film abspielt, wenn der Trigger kommt.

Den verhassten Job kündigen und einen Schritt ins Ungewisse wagen? Den Partner verlassen und in das ungewisse Alleinsein treten? Schnell wird der Film „Worst-Case-Szenario: Einsam und mittellos auf der Straße“ aus dem Unterbewusstsein hervorgekramt und im Bewusstsein abgespielt.

Würdest du dir jeden Tag hunderte Male die gleiche Filmszene ansehen, wenn man es dir vorschlagen würde? Wahrscheinlich nicht, und doch hast du nichts dagegen, dir gewisse unliebsame Szenen, die dich traurig oder wütend machen, ebenso oft anzusehen. Täglich. Und das seit Jahren!

Film ansehen

Die Vergangenheit aufarbeiten

Was wir gerade beschrieben haben, ist ein Prozess, der bei der Mehrheit der Menschen so unbewusst abläuft, dass er ihnen gar nicht auffällt. Sie glauben, sie sind eben so und da gäbe es nichts daran zu rütteln. Was für ein Irrglaube!

Programme, die im Unterbewusstsein abgespeichert sind, können verändert werden. Man kann sich sozusagen reprogrammieren.

Nun mag der eine oder andere sich denken: Aber wenn ich jahrzehntelang dasselbe Programm laufen habe, wie lange wird es dauern sich umzuprogrammieren? Keine Jahrzehnte jedenfalls, denn der entscheidende Unterschied ist nun jener, dass wir uns den Mechanismus bewusst gemacht haben und ihn bewusst ändern wollen.

Ist es hierfür notwendig, die Vergangenheit aufzuarbeiten? Das hängt sehr davon ab, wie man dabei vorgeht. Gewesenes ständig neu zu durchleben, indem man nur darüber spricht, wird das emotionale Muster eher aufrecht erhalten, als es aufzulösen.

Wenn man allerdings fähig ist, zu kontemplieren, zu akzeptieren und zu verzeihen, wird sich das auf die Weiterentwicklung sehr positiv auswirken.

Die Vergangenheit loslassen

Worin unterscheidet sich nun der Prozess des Aufarbeitens und des Loslassens?

Die Vergangenheit loslassen gleicht einem Frieden schließen. Hierfür muss man nicht einmal genau verstehen, warum etwas passiert ist, um es abschließen zu können. Man kann es gehen lassen und braucht keine Erklärung für das Gewesene.

Denn was wir uns zu erklären versuchen, wird stets den Grenzen des Verstandes unterliegen, wird durch den eigenen Filter betrachtet und zensiert und kann daher nur ein verzerrtes Bild der Wahrheit wiedergeben.

verzerrtes Bild

Und doch gibt es irgendwann diesen Punkt im Leben, an dem man erkennt, welche Notwendigkeit die Vergangenheit hatte, um genau hier anzukommen, wo man ist. Und dieses „hier“ kann ein Ausgangspunkt für Veränderungen aller Art sein.

Hier und jetzt ist immer eine Entscheidung möglich. Hier und jetzt lässt sich ein Entschluss fassen. Hier und jetzt ist stets neu und frisch und beurteilt nicht daran, was war. Es kennt keine Vergangenheit und keine Zukunft. Es ist offen und kreativ.

Klarheit ist seine Substanz und Liebe sein Parfum. Sie sind für unser Auge nicht sichtbar und doch versteht sie jeder, dem sie sich zeigen. Wir haben nichts darüber in der Schule gelernt und doch gäbe es keinen Schüler, der sie nicht erkennen würde, wenn sie ihm begegnen.

Aber es bedarf unserer vollkommenen Aufmerksamkeit, sonst verpassen wir sie. Dann ziehen sie unbemerkt an uns vorbei, während wir in unserer Vergangenheit taumeln wie Betrunkene, deren Sinne vernebelt sind.

Aber wenn wir unsere Vergangenheit loslassen und wir nicht in die Zukunft projizieren, wenn wir uns einlassen auf den Moment und seine äußeren Umstände vergessen, wenn Zeit verloren geht und Raum sich in Unendlichkeit auflöst, dann baden wir in diesem Parfum und in der Essenz der Ganzheit. Und diese Loslösung wird zu unserer Erlösung und Befreiung.

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