Das gute Gefühl ein Niemand zu sein.

Apr 2, 2019

In unserer Gesellschaft ist es nicht angesehen ein Niemand zu sein. Wir schmücken uns mit Namen und Titeln, mit Ahnen und Geschichten. Seht, was ich kann; seht her, wer ich bin. Besser, schöner, klüger als die anderen. Und was ich nicht mehr bin, das war ich einmal. Oder ich werde es noch. Die Vergangenheit und Zukunft sind wichtiger als der gegenwärtige Augenblick. Denn dieser offenbart eines: In Wahrheit bin ich niemand.

Jemand sein müssen

Niemand sein. Das macht vielen Angst. Damit verbindet man verstoßen und verlassen zu sein, und das möchte man nicht. Die Horrorgeschichten vom „Niemand sein“ haben wir in unserer Kindheit nur zu oft ertragen müssen. “Wenn du dich nicht anstrengst, wirst du es nie zu etwas bringen!” “Du wirst ein Niemand sein, wenn du nicht hart arbeitest.” 

Und in unseren Teenagerjahren werden wir von den Medien überflutet mit all den „Jemands“, die es geschafft haben und die wir bewundern und anbeten. Sie suhlen sich in ihrer Egomanie und vermitteln uns in diesen labilen Jahren unseres Lebens, dass wir egozentrisch und kompetitiv sein müssen, wenn wir ein erfülltes Leben führen wollen.

Und welche zarte Seele in diesem Alter, gepeinigt von Lehrern und Mitschülern, würde es sich nicht wünschen glücklich zu sein?

Wenn Mama und Papa sagen, ich muss jemand werden, und das Fernsehen und Social Media mir erklären, dass man nur jemand ist, wenn man Reichtum und Berühmtheit erlangt, so ergibt meine Milchmädchenrechnung: Glücklich ist, wer jemand ist, der Macht und Geld besitzt. Voilà!

niemand jemand ego

Aber wie werde ich jemand?

Mama und Papa haben gesagt, ich muss besser sein als die anderen. Die Stars und Sternchen tun so, als seien sie die Größten, Schönsten und Besten. Ich aber bin weder groß, schön, geschweige denn der Beste in irgendetwas.

Frustriert sitzt man am Schreibtisch, schaut aus dem Fenster und beobachtet die Vögel, die vorbeiziehen.

„Ich wünschte, ich wäre auch so ein Vogel. Dann müsste ich mir über sowas gar keine Gedanken machen.“

Kommt einem bekannt vor? Ich glaube, jeder von uns hat schon einmal sein Haustier oder ein Tier in der Natur beobachtet und einen solchen Gedanken gehegt. Wie einfach wäre das Leben, wenn man nicht immerzu versuchen müsste, jemand zu sein. Wenn wir einfach nur wir selbst sein dürften.

Aber wer sind wir eigentlich und müssen wir tatsächlich jemand anderes sein? (Siehe auch den Artikel: Wer bin ich wirklich? Ein Blick nach innen.)

Jemand = das Ego

Dieser Drang jemand sein zu wollen, stammt von unserem Ego, das im Kindesalter entstanden ist. Es ist nichts, was uns inhärent ist, und es ist dieses Ich-Bewusstsein, was uns vom Tier unterscheidet. Dadurch können wir uns als getrennt von der Umwelt wahrnehmen, was Vorteile, aber auch Nachteile mit sich bringt.

Einer dieser Nachteile ist, dass wir glauben, wir müssen uns in einer Welt voller Egos behaupten, indem wir jemand Wichtiges darstellen.

Niemand möchte ein Niemand bleiben. Denn ein niemand zu sein, bedeutet in unseren Augen wertlos und gering zu sein.

Dass wir jemand sein wollen, rührt aber eigentlich daher, dass wir uns wertlos fühlen. Es ist also nicht der Niemand, der sich geringschätzig fühlt, sondern der Niemand, der jemand sein will.

So, wie wir Menschen keine einzelne Ameise in einem Schwarm von Ameisen als “Jemand” bezeichnen würden, so würde ein Alien, der aus dem Weltall auf unsere Erde blickte, uns Menschen nicht als einzelne Jemande sehen.

Nur aus unserer eingeschränkten Sicht meinen wir, dass jeder von uns ein wichtiger Jemand ist. Vom Standpunkt des Aliens aus ist jeder von uns bloß ein Mensch. Punkt.

Elvis Presley

Ein Niemand ist ein Mensch mit Eigenschaften

Ein Niemand zu sein bedeutet nicht, dass man eine leblose Kartoffel ist, die auf der Couch herum gammelt. Au contraire.

Wer es schafft, sein Ego aus dem Weg zu räumen, macht Platz für seine Talente und seine Kreativität.

Und auch wenn das viele von uns nicht glauben – sie schlummern in uns allen und können sich auf so vielfältige Weise ausdrücken, dass wir ihnen in unserer Zeit vielleicht noch nicht einmal Berufe zuordnen können (siehe auch: Visionen haben und eine neue Zukunft erschaffen).

Bleiben wir allerdings immerzu in der angelernten Ego-Schiene, so werden wir nur kennen, was man uns vorgezeigt hat, werden es versuchen zu imitieren und kaum etwas von uns selbst zum Vorschein bringen. Wir wissen letztendlich gar nicht mehr, wer wir sind, weil wir stets versuchen, jemand zu sein.

Wer wir wirklich sind, muss nämlich keine Anstrengung unternehmen, jemand zu sein. Man ist schließlich man selbst. Dafür muss man sich nicht anstrengen. Der Vogel muss sich auch nicht anstrengen, ein Vogel zu sein. Er ist.

Ein Niemand zu sein bedeutet also schlichtweg, niemand anderes zu sein als man selbst.

Doch ist damit nicht die konditionierte Persönlichkeit gemeint, sondern vielmehr das Selbst, das man ist, wenn Konditionierung und Persönlichkeit eine Auszeit nehmen. Wer ab und an meditiert kennt sie, diese stillen Momente, aber auch die Verliebten oder Künstler, die in ihrem Element sind, wissen Bescheid. Wenn Zeit verschwindet und man selbst scheinbar mit ihr. Man ist einfach nur. Wer oder was man ist, ist in solchen Momenten belanglos.

 

Wie werde ich wieder ein Niemand?

Tja, nun möchte man meinen, dass man etwas dafür tun müsse, um wieder ein Niemand zu werden. Das erscheint uns allerdings nur so, da wir uns daran gewöhnt haben, ständig irgendwelche Rollen zu spielen. In Wirklichkeit ist es nämlich genau umgekehrt:

Wir wenden Energie dafür auf, jemand zu sein und nicht dafür, niemand zu sein.

Und wie viel Energie uns das kosten kann, wissen wir nur zu gut. Bedienen wir uns doch eines Beispiels, um das zu veranschaulichen. Und zwar werden wir einmal aus der Sicht des Jemand und einmal aus der Sicht des Niemands schauen.

Wir stehen am Flughafen in der Schlange zum Check-in. Die Zeit vergeht, doch die Menschenmenge bewegt sich keinen Millimeter. Dann kommt die Durchsage, dass der Flug Stunden verspätet sein wird. Damit verpassen wir den Termin, zu dem wir fliegen wollten.

Aus der Sicht des Jemand spielen sich folgende Gedankengänge ab: “Das darf doch nicht wahr sein! Da komme ich extra so viel früher und dann so etwas. Ich fliege bestimmt nicht mehr mit der XY Airline. Dieses inkompetente Pack. Jetzt verpasse ich doch tatsächlich meinen wichtigen Termin! Unerhört. Dafür werde ich sie belangen.”
Wut breitet sich im Körper des Jemand aus. Diese Wut möchte man irgendwie loswerden. Entweder man stürmt zum Schalter und blafft die Mitarbeiter der Airline an oder man ruft den Partner/ein Familienmitglied an und erzählt ihnen: „Du wirst nicht glauben, was mir soeben passiert ist! Dieses inkompetente Pack der XY Airline“ usw.

niemand und jemand

Aus der Sicht des Niemand: Augen schauen, Ohren hören und der Körper atmet. Man gibt Bescheid, dass man es nicht rechtzeitig zum Termin schaffen wird.

Auch der Niemand könnte natürlich zum Schalter gehen und herausfinden, ob es eine andere Möglichkeit gibt, noch rechtzeitig zum Termin zu erscheinen. Er wird dies allerdings ohne den Ärger des Jemands machen, denn der Niemand bezieht die Situation nicht gegen sich sondern hat akzeptiert, dass es Missstände gibt, die solche Geschehnisse heraufbeschwören. Und wenn es tatsächlich keine Möglichkeit gibt rechtzeitig anzukommen, ist das für den Niemand auch in Ordnung. Er findet sich in allen Situationen zurecht.

Ebenso wie der fliegende Vogel, der sich im Augenblick des Geschehens auf alles einstellen kann was kommt, so schafft das auch der Niemand.

Das macht er folgendermaßen: Er beobachtet ohne zu kritisieren oder zu rechtfertigen; für ihn sind die Erlebnisse keine Angriffe gegen ihn und keine Hindernisse auf seinem Weg. Er schwimmt mit dem Strom des Lebens.

Der Niemand versteht, dass das Leben eine Aneinanderreihung von Geschehnissen ist, die angenehm oder unangenehm sein können und er geht, je nachdem wie er konditioniert wurde, damit um.

Doch er setzt sich nicht Minuten, Tage oder Wochen später noch damit auseinander. Er macht kein Drama aus jeder Situation, die nicht so läuft, wie er das gerne hätte.

Der Niemand versteht, dass das Leben nicht dazu da ist, ihn zufrieden zu stellen. Das Leben und die anderen Menschen sind niemandem von uns etwas schuldig. Wir selbst können entscheiden, ob wir glücklich oder verärgert sein wollen. Niemand ist dafür verantwortlich. Und niemand, das bist du.

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