Ich muss, ich soll- Auszeit für das schlechte Gewissen

Feb 15, 2019

Mit „Ich muss“, „Ich soll“ beginnt meist bereits unser Morgen, und auch wenn wir uns im Laufe des Tages dieses Konjunktivs gar nicht mehr bewusst sind, so spinnt er doch im Hintergrund unserer Aktivitäten sein Netz aus Anspannung und Verpflichtungen und plagt uns mit einem schlechten Gewissen.

Es ist eine Gewohnheit, die für uns selbstverständlich geworden ist. Spätestens seit der Schulzeit haben wir diese kleine Stimme im Hinterkopf, die uns ununterbrochen daran erinnert, was wir zu tun und zu erledigen haben. Manchmal meldet sie sich laut und manchmal tut sie es ganz leise, so, dass wir sie nur in Form eines Unwohlseins wahrnehmen.

Pflichten und Verpflichtungen

Die einen bürgen sich mehr als die anderen auf; doch auch Menschen mit scheinbar weniger Verpflichtungen kämpfen mit dem belehrenden Sprecher in sich. Denn, wenn es im Moment keine Pflicht zu erfüllen gibt, dann sagt er ihnen, dass sie etwas finden müssen. Schließlich gibt es immer etwas zu tun, so seine Erklärung.

Nie lässt er uns fünf Minuten still sitzen. Nie dürfen wir nur in den Himmel starren. Einfach aus dem Fenster sehen. Bloß hier sein. Stets gibt es scheinbar etwas zu tun.  Jede Sekunde muss genutzt werden. So sagt es uns zumindest diese Stimme. Aber wer ist diese Stimme eigentlich und warum kennen wir sie alle?

Darf ich bekannt machen?

Gewissen ihr Name. Schlechtes Gewissen.
Erst erteilt es uns jede Menge Aufträge und bei Nichterfüllung gibt es Vorträge über unsere Faulheit. Dafür bringt das schlechte Gewissen gleich einen weiteren Referenten mit, der stets mit derselben Lektion antanzt: Das Schuldgefühl, das es liebt, darüber zu sprechen, was man besser hätte machen können. Und da gibt es allemal etwas, wie uns das Schuldgefühl genauestens erläutert.

Warum uns allen diese Stimme so vertraut ist, liegt vor allem an der Gesellschaft, in der wir aufgewachsen sind und erzogen wurden. Von klein auf wird uns beigebracht, welche Pflichten wir zu erfüllen haben, um einen sinnvollen Beitrag für die Gemeinschaft zu leisten. Was auch immer als sinnvoll erachtet wird.

An dieser Stelle möchte ich einen jeden, der glaubt, keinen sinnvollen Beitrag zu leisten, dazu ermutigen, sich die Welt ein bisschen genauer anzusehen. Was bedeutet sinnvoll? Kann man nicht eigentlich alles als sinnvoll erachten beziehungsweise alles als sinnlos ansehen? Auch, wenn du gerade nicht weißt, was für einen Sinn dein Leben hat, sei dir gewiss: Du bist genauso sinnvoll für dieses Leben wie alle anderen! Oder genauso sinnlos. Es ist egal, von welcher Seite du es betrachtest, wichtig ist, dass du dich für eine entscheidest (siehe auch den Blogartikel: Der Sinn des Lebens. Schon gefunden?).

Als wir Kinder waren, ist das Leben wie ein Spiel gewesen, das wir täglich aufs neue spielen und entdecken durften. Man ermutigte uns, zu träumen und unsere Fantasie zu benutzen. Unsere Bedürfnisse standen im Vordergrund.

 

Doch plötzlich änderte sich das. Spätestens in der Schule werden wir dazu angehalten, das Träumen sein zu lassen und uns zu konzentrieren. Auf unsere Verpflichtungen. Lernen und ein ordentlicher Mensch werden. Eine nutzbringende Aufgabe erfüllen. Die wir natürlich nicht auszusuchen haben. Jäh ist unsere Fantasie nicht mehr gefragt.

Jetzt kommt der Ernst des Lebens! Und wen hat der im Schlepptau? Natürlich, das schlechte Gewissen!

Die beiden sind ja unzertrennlich. Wobei der Ernst des Lebens auch gerne mit Stumpfsinn zusammenkauert und schlechtes Gewissen mit Selbstzweifel abhängt. Und zusammen sind sie das Missmut-Quartett. Wir leiden mit jenen, die sich mit der gesamten Bande herumschlagen müssen. Ein Kampf, der so viel Energie raubt, dass wir bald am Ende unserer Kräfte sind. Und da winkt uns von nicht allzu fern schon die Depression mit einem Lächeln, das uns an Pennywise den Clown aus Stephen Kings „Es“ erinnert.

Doch bis es so weit ist, haben wir wahrscheinlich ein Hochschulstudium, einige verquere Beziehungen und einen eintönigen oder sehr stressigen Beruf hinter uns gebracht, die das schlechte Gewissen und Co. von Jahr zu Jahr gefüttert und gemästet haben.

Selbst in unserer freien Zeit liegen sie uns im Nacken, denn „ich muss/müsste“ und „ich soll/sollte“ scheinen nie Urlaub zu haben. Warum eigentlich nicht?

 

Abgespeichert und abgespielt

Da wir wie oben beschrieben bereits seit unserer Kindheit darauf trainiert wurden, zu müssen und zu sollen, haben sich diese Verhaltensmuster in unserem Körper abgespeichert und laufen mehrheitlich unbewusst in uns ab.

Das bedeutet, sie sind sozusagen im Hintergrund tätig, haben aber sichtbare Auswirkungen auf unser gesamtes Verhalten.

Man kennt es von sich oder von anderen, dass Zeichen von Stress sichtbar sind (Verspannungen, Unruhe, körperliche Entzündungszeichen wie Zahnfleischbluten) und doch, wenn man darauf angesprochen wird, ist es einem gar nicht wirklich bewusst, dass man gestresst ist. Und manche merken es tatsächlich erst, wenn sie ein Burn-out oder eine Depression erleiden. Der Körper zeigt ihnen damit, dass er endlich Ruhe braucht.

Das schlechte Gewissen mehr leisten und es besser machen zu können, und alles in allem ein vollkommenerer Mensch zu werden, treibt uns immer wieder in die Arme von Stress und Unausgeglichenheit. Wie können wir dem Einhalt gebieten?

Auszeit für schlechtes Gewissen und Co.

Wie immer geht es uns um die Ursachenbeseitigung und nicht um die Symptombehandlung. Einmal die Woche zum Yogakurs oder zum Sport sind wie das Aspirin bei einer Grippe. Kurzweilige Linderung für den Moment der Wirkung, aber sobald diese nachlässt, ist das Problem weiterhin vorhanden.

das schlechte gewissen

Da das schlechte Gewissen zu einem Großteil unbewusst in unserem System abläuft, ist als erster Schritt unsere Aufmerksamkeit gefragt. Das Schulen unserer Aufmerksamkeit für die Prozesse in uns, ist der Schlüssel zu beinah all unseren Problemen, die wir mit uns herumschleppen!

Wenn wir nicht das Leben führen, das wir uns wünschen, dann liegt das zumeist an den tief verwurzelten Vorstellungen über uns und das Leben, die in unserem Unterbewusstsein abgespeichert sind. Dies ist ein sehr komplexes Thema, zu dem es verschiedene Blogposts gibt, die auf einzelne Teilbereiche eingehen (siehe unter anderem: Visionen haben und eine neue Zukunft erschaffen. Wer bin ich wirklich? Glücklich sein – am liebsten für immer). Wir möchten uns in diesem Artikel auf das schlechte Gewissen beschränken.

Aufmerksamkeit schulen

Erst beobachten wir unser Gefühl, denn das ist das Erste, was uns bewusst auffällt. Ich bin unruhig, ich bin rastlos, gestresst oder gereizt. Statt zu versuchen, sofort etwas gegen dieses Gefühl zu unternehmen, empfiehlt es sich (da wir uns ja besser kennenlernen wollen), es erst einmal zuzulassen. Wie äußert es sich? Sind gewisse Körperbereiche wie der Rücken oder der Bauch angespannt? Zittert man? Hat man Herzrasen?

Was auch immer es ist, wir wollen das Unwohlsein für einen Moment zulassen und es nur beobachten. Es wird nichts dabei passieren. Es fühlt sich einfach nur nicht gut an, das ist alles.

Von diesem Gefühl können wir nun die Spur zurückverfolgen. Warum ist es aufgekommen? Habe ich an etwas Negatives gedacht? Gedanken erzeugen Gefühle, wie wir wissen und so ist es naheliegend, dass ein negativer Gedanke zu unserem Unwohlsein geführt hat (siehe auch: Negative Gedanken loswerden).

Ich habe an die Deadline gedacht, die in zwei Tage ist und dass ich nichts dafür vorbereitet habe. Ich habe an das Gespräch gedacht, das schlecht verlaufen ist. Ich hätte etwas besser machen können usw.

Sich die Gedanken bewusst zu machen, die für unsere negativen Gefühle verantwortlich sind, ist schon ein bedeutender Schritt, weil sie, wie bereits erwähnt, meistens unbemerkt zugegen sind. Wenn wir sie an die Oberfläche bringen, haben wir die Möglichkeit, sie zu verändern. Dies bedarf allerdings Zeit und für den Anfang ist es ausreichend, sie ausfindig zu machen und sie ganz ehrlich zu betrachten. Von ihnen aus kann man nämlich noch einen Schritt in die Tiefe unseres Seins treten und herausfinden, wofür diese Gedanken tatsächlich stehen.

Zum Beispiel der Gedanke: Das hätte ich besser machen können. Wofür steht dieses schlechte Gewissen? Der tief verwurzelte Glaube, der dahinter steht, ist: Ich bin nicht gut genug. Ich bin wertlos.

Und leider ist es dieser Glaube, der das gesamte Leben überschattet und beeinflusst. Menschen mit dieser (unbewussten) Einstellung von sich selbst, sind weniger erfolgreich im Beruf und in Beziehungen, weil sie wirklich daran glauben, nicht gut genug zu sein und dieses Gefühl nach außen tragen. Und wie eine selbsterfüllende Prophezeiung zieht man alles im Leben an, was schließlich bestätigt, dass man nicht gut genug ist. Es ist ein Circulus vitiosus.

frei ohne maßstab

Maßstäbe überdenken

Das schlechte Gewissen gibt uns also einen Hinweis darauf, dass wir uns in unserem tiefsten Inneren wertlos und ungenügend fühlen. Eine absolute Fehleinschätzung, die auf falsch interpretierten Erlebnissen und Erfahrungen basiert. Denn ebenso wie mit der Sinnhaftigkeit bzw. Sinnlosigkeit so ist das auch mit dem Wert und der Wertlosigkeit. Niemand ist mehr oder weniger wert als der andere.

Unsere Vergleiche hinken, weil jeder seinen eigenen Maßstab hat. Und es gibt keinen universellen Maßstab. Wer würde den setzen? Gott? Und wenn das Allmächtige einen Maßstab setzen würde, müsste dieser nicht allumfassend sein?

Die Maßstäbe setzen wir uns stets selbst, denn egal, ob die ganze Welt dir weismachen will, wie du zu sein hast, um sinnbringend für die Gemeinschaft oder wertvoll für die Gesellschaft zu sein. Das letzte Wort hast immer noch du und wenn du diese Maßstäbe nicht annimmst und ablehnst, dann wird es dir egal sein, ob man dich als sinn- oder wertlos bezeichnet.

Doch um dahin zu gelangen, musst du deinen eigenen Wert kennen, und das geschieht nur, wenn du dich selber ehrlich betrachtest und von Grund auf kennenlernst. Sieh dir deine Verhaltensmuster, deine Gedanken und Emotionen genau an! Reagiere nicht einfach auf Situationen, sondern sei dir vollkommen bewusst darüber, was du tust und warum du es tust. Nur so hast du die Möglichkeit anzuhalten und dich zu fragen: Will ich das jetzt wirklich tun? Will ich mich jetzt so verhalten? Möchte ich mich tatsächlich so fühlen?

So lange du nur an der Oberfläche schwimmst, das heißt, dich danach beurteilst, was andere gesagt haben oder sagen, oder dich mit dem vergleichst, wie andere sind, solange wirst du nicht hinter die Fassade sehen können, die du über die Jahre aufgebaut hast.

Und sie ist hoch und dick diese Fassade, und schlechtes Gewissen und seine Kumpanen verteidigen sie mit all ihren Mitteln. Aber du hast eine außerordentliche Waffe, mit denen du ihnen entgegentrittst. Du hast das Bewusstsein, sie alle zu erkennen, sie zu enttarnen und der Lüge zu bezichtigen. Mit dieser Waffe ziehst du in einen kampflosen Kampf, denn in Wahrheit muss niemand niedergeschlagen oder bezwungen werden. Sobald du sie als Illusion enttarnt hast, verschwinden sie von selbst.

Es ist, als wärst du in einem stockdunklen Raum gefangen, in dem sich all deine Feinde befinden. Angsterfüllt bewegst du dich darin, denn nie weißt du, wo einer von ihnen steht und dich in die Falle locken könnte.

Und dann endlich, findest du ein Fenster, und wenn du es öffnest und das Licht des Bewusstseins das Zimmer hell erleuchtet, stellst du fest, dass da nie jemand anderes außer dir war. Niemand da. Keine Feinde. Es war nur deine Vorstellung, vor der du dich gefürchtet hast.

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